Kein 24-Klassen-Sekundarschulhaus im Grünau-Quartier

Position des Quartervereins Grünau zur aktuellen Planung des neuen Sekundarschulhauses Tüffenwies der Stadt Zürich

12.9.2019

Die Stadt Zürich plant im Grünau-Quartier im Schulkreis Letzi ein neues Sekundarschulhaus für 24 Klassen mit einer Dreifachturnhalle. Vorgesehener Standort ist der Sportplatz des jetzigen Primarschulhauses Grünau. Das Grünau-Quartier war bis in die 1990er Jahre ein sozialer Brennpunkt und galt als «Ghetto» mit hoher Jugendkriminalität. Die Stadt Zürich hat seither grosse und erfolgreiche Anstrengungen zur Aufwertung des Quartiers unternommen, die mit beträchtlichen Investitionen verbunden waren, insbesondere mit dem Neubau der städtischen Wohnsiedlung Werdwies. Mit dem geplanten Schulhausneubau droht die Stadt nun diese erreichten Erfolge in der Quartierentwicklung selber wieder zunichte zu machen. 

  • Der Sportplatz ist das Herz des Grünau-Quartiers: Hier spielen unsere Kinder Fussball und Federball, hier feiern wir das Schulhausfest, hier treffen wir uns zum Schwatzen und zum Picknick, hier findet der Grünau-Kick statt. Das neue Schulhaus zerstört den einzigen funktionierenden öffentlichen Raum im Quartier und unseren wichtigsten Treffpunkt. 
  • 500 Sekundarschüler sind zu viel für die Grünau: Ein Schulhaus für 24 Klassen heisst jeden Tag zusätzlich 500 Sekundarschüler, die mit dem Bus in das vom übrigen Stadtraum abgeschottete Quartier anreisen, die sich vor und nach der Schule in den Wohnsiedlungen treffen, die hier zu Mittag essen. Konflikte mit den Anwohnern und Druck auf die Primarschüler der bestehenden Schule Grünau sind die Folge.
  • Ein Sekundar-Schulhaus mit 24 Klassen ist pädagogisch nicht vertretbar: Gerade Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen sind angewiesen auf persönliche Beziehungen. In einem Schulhaus mit 24 Klassen ist dies nicht gewährleistet. 
  • Drei Turnhallen bringen zu viel Verkehr: Die Dreifachturnhalle wird am Wochenende für öffentliche Sportveranstaltungen genutzt. Mit dem neuen Eishockey-Stadion kommen in Zukunft bereits dreimal in der Woche die Eishockeyfans mit dem Tram 17 in die Grünau. Die Grünau ist bereits stark belastet durch Autobahn und Kläranlage. Noch mehr Besucher am Wochenende erträgt das Quartier nicht.

Der Quartierverein Grünau hält einen Schulhausneubau an diesem Standort und in diesen Dimensionen für äusserst schädlich für das Quartier. Als Vertreter der Quartierbevölkerung wird der Quartierverein dieses Vorhaben mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen. Nachfolgend sind die wichtigsten Punkte, die aus Sicht des Quartiervereins gegen den geplanten Schulhausneubau Tüffenwies sprechen, ausführlich dargestellt.

 

Grünau als stark verdichtetes, hochbelastetes Wohnquartier

Die Grünau ist bereits stark verdichtet bebaut und besteht vorwiegend aus grossen Wohnsiedlungen, mit Gewerbegebäuden entlang der Autobahn und der Limmat. Durch seine Lage zwischen Autobahn, Europabrücke und Limmat ist das Quartier abgeschottet vom übrigen Stadtraum. Autobahn und Kläranlage Werdhölzli belasten die Grünau stark. Mit den Asylunterkünften Aargauerstrasse, Tüffenwies und vormals Juch nahm das Quartier innerhalb der Stadt die höchste Anzahl Flüchtlinge auf und hat heute noch eine hohe Dichte an Asylunterkünften. Der Anteil an Bewohnern mit tiefem Einkommen und Migrationshintergrund ist nach wie vor hoch. In den 1990er Jahren galt die Grünau mit ihrem hohem Anteil an Notwohnungen als sozialer Brennpunkt, als «Ghetto» mit hoher Jugendkriminalität. Mit dem Neubau der städtischen Siedlung Werdwies Mitte der 2000er Jahren (mit einer eigener Krippe, einem durchdachten Konzept für die Erdgeschossnutzung und sorgfältiger Gestaltung der Aussenräume) hat die Stadt Zürich den Grundstein für eine Aufwertung des Quartiers gelegt. Die mittelständischen Familien, die seither zugezogen sind, sind im Quartier heimisch geworden, ohne dass die Gentrifizierung sozial Schwächere vertrieben hätte. Insbesondere leben auch Bewohner mit Migrationshintergrund, die mittelständischen Berufen nachgehen, bereits in der zweiten Generation in der Grünau und identifizieren sich stark mit dem Quartier. Dank des kontinuierlichen Engagements der Stadt, nicht zuletzt über den Betrieb eines eigenen GZ Grünau, hat sich das Quartier in den letzten fünfzehn Jahren zu einem lebendigen multikulturellen Lebensraum entwickelt, der von seinen Bewohnern sehr geschätzt wird.

 

Grünräume im Quartier

Was den problematischen Aspekten des Quartiers – Autobahn, Kläranlage, dichte Bebauung, Zusammenleben von Menschen aus sehr vielen verschiedenen Nationen, Abschottung vom übrigen Stadtraum – gegenübersteht, sind insbesondere die Grünräume: Der Sportplatz mit seiner grossen Wiese, die Grünflächen innerhalb der Siedlungen, der Raum entlang der Limmat. Die Grünräume an der Limmat und die Badeanstalt auf der Werdinsel werden intensiv von Höngg und der ganzen Stadt genutzt. Sie sind deshalb keine Treffpunkte fürs Quartier. Für Familien sind die Flussufer zudem gefährlich, wenn kleine Kinder noch nicht schwimmen können. Der westliche Teil der Werdinsel wird als Nacktbadezone genutzt und ist deshalb kein Aufenthaltsort für Schulkinder. Der Waldstreifen entlang des Limmatuferwegs darf als Naturschutzgebiet nicht betreten werden. Der Sportplatz neben dem Primarschulhaus mit seiner grossen Wiese ist der einzige Grünraum, der ausschliesslich dem Grünau-Quartier zur Verfügung steht.

 

Sportplatz als Treffpunkt fürs Quartier

In der Grünau fehlen öffentliche Räume. Die Freiräume innerhalb der einzelnen Wohnsiedlungen (Tüffenwies, Genossenschaft Frohes Wohnen, Genossenschaften Sonniger Hof, Werdwies) sind keine öffentlichen, sondern halböffentliche Räume. In den Wohnhäusern entlang der Autobahn gibt es gar keine Aufenthaltsorte. Der Sportplatz neben dem Primarschulhaus, bestehend aus Hartplatz mit Fussballtoren, Basketballkorb und Badmintonnetz, einer grossen Wiese sowie einem Kiesplatz mit Sitzgelegenheiten, Spielgeräten für kleinere Kinder und schattenspendenden Bäumen hat im Quartier diese Funktion eines zentralen öffentlichen Raumes. Er wird zum einen für offizielle Veranstaltungen genutzt – Fussballturnier «Grünaukick», Schulhausfest, Zirkuswoche, Quartierfest. Gleichzeitig steht er ausserhalb des Unterrichts für das selbstorganisierte Zusammenleben zur Verfügung und wird intensiv genutzt: Picknicks mehrerer Familien, Ballspiele von spontan entstehenden kleinen Gruppen von Eltern und Kindern, Turnübungen der Mädchen, Cricket von Bewohnern tamilischer Herkunft, Drachenfliegen, Schneeballschlachten.
Für die Mittelstufenkinder ist der Sportplatz ihr zentraler Treffpunkt im Quartier, und der einzige Aussenraum, der auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Kinder aus allen Wohnsiedlungen treffen sich hier zum Fussballspielen, Schwatzen, zusammen Zeit verbringen. Der Sportplatz ist der einzige Ort, wo sie sich nicht unter der Aufsicht der Eltern selbständig treffen können. Für das friedliche Zusammenleben und die Integration im multikulturellen Grünau-Quartier ist ein solcher funktionierender, mehrfach nutzbarer öffentlicher Raum von zentraler Bedeutung. Der geplante Schulhausneubau zerstört diesen Raum.

 

24 Sekundarklassen in der Grünau

Das Schulhaus wird für 24 Sekundarklassen geplant und soll mit einer Dreifachturnhalle ausgestattet werden. Täglich werden sich neu über 500 Jugendliche in einem Quartier mit 2500 Einwohnern aufhalten. Dies ist ein massiver Eingriff in die Bevölkerungsstruktur. In der Grünau gibt es ausser einem kleinen Quartierladen und zwei Cafés keine für Jugendliche geeigneten Verpflegungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten. Das Quartier ist durch Autobahn und Limmat vom Rest der Stadt abgeschnitten. Anders als in den bestehenden Sekundarschulhäusern in Altstetten können sich die Sekundarschüler deshalb während der Mittagspause bzw. vor und nach dem Unterricht nicht in einem durchmischten urbanen Raum wie im Gebiet zwischen Bahnhof Altstetten und Lindenplatz oder im Einkausfzentrum Letzipark bewegen. Sie werden sich vielmehr in den Wohnsiedlungen aufhalten. Konflikte mit den Anwohnern sind vorprogrammiert. Für die Anwohner der direkt an das Schulhaus angrenzenden Wohnsiedlungen bringt die Anreise von 500 Schülerinnen und Schülern täglich, sowie der Besucherinnen und Besucher der Veranstaltungen in den Turnhallen am Wochenende, eine zusätzliche Verkehrs- und Lärmbelastung in einem durch die Autobahn bereits stark lärmbelasteten Quartier. Die Verkehrsbelastung wird sich mit der Inbetriebnahme des neuen Eishockey-Stadions noch zusätzlich verstärken.

Die 500 neuen Sekundarschüler werden sich auf engstem Raum und am gleichen Ort wie die 300 Kindergarten- und Schulkinder des bestehenden Primarschulhauses Grünau aufhalten. Der Pausenplatz der Primarschule wird sich um mindestens zwei Drittel verkleinern. Eine solche Konstellation ist sehr konfliktanfällig. Ein grosser Anteil der Schulkinder in der Grünau erhält zu Hause zur Bewältigung ihres Schulalltages wenig Unterstützung, da beide Eltern Vollzeit arbeiten (müssen) und nicht gut deutsch sprechen. Viele Kinder sind tagsüber nicht betreut. Bereits jetzt ist im Primarschulhaus Grünau das Klima unter den Kindern sehr konfliktträchtig und immer wieder aggressiv. Es erfordert eine sehr grosse Anstrengung und ein kontinuierliches Engagement von Seiten der Schulleitung, der Lehrerschaft, der Betreuung, der Schulsozialarbeit sowie aller Eltern, unter den Kindern verschiedenster Herkunft ein kooperatives, friedliches Schulklima aufrecht zu erhalten, das ein konzentriertes Lernen ermöglicht. Bereits jetzt beklagen sich die Unter- und Mittelstufenkinder, dass sie von den Jugendlichen, die im Quartier wohnen, beim Spielen gestört und vom Sportplatz verdrängt werden. Wir befürchten, dass der zusätzliche Stress durch ständige Revier- und Platzkämpfe mit pubertierenden Jugendlichen für die Kindergarten- und Primarschüler eine grosse Belastung sein wird, welche sich zusätzlich negativ auf das bereits jetzt schwierige Schulklima auswirken wird.

Die in der Grünau wohnhaften Kinder verbringen aktuell ihre gesamte Schulzeit von der Krippe bis zu sechsten Klasse im Quartier. Dies ermöglicht zum einen die Bildung von langjährigen und tragfähigen Freundschaften und trägt zur Identifikation auch der Kinder mit ihrem Quartier bei. Andererseits ergeben sich daraus aber auch Konflikte, da die Kinder sich ihre ganze Schulzeit hindurch in der gleichen Peergroup bewegen. Aktuell ist der Wechsel nach Altstetten für die Grünauer Oberstufenschüler ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung. Fällt dieser Wechsel weg, können sich einem solchermassen inselhaften Quartier mit seiner spezifischen sozioökonomischen Struktur sehr schwierige Situationen unter Jugendlichen entwickeln, die wiederum zusätzliches Engagement und Ressourcen von Seiten der Stadt zur Lösung erfordern.

Aus pädagogischer Sicht wird nach unserem Wissen ein Sekundarschulhaus mit 24 Klassen nicht empfohlen. 15 Klassen gilt als Maximalgrösse. Gerade Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen sind angewiesen auf persönliche Beziehungen, und diese sind bei einer solchen Anzahl an Jugendlichen und Lehrpersonen nicht mehr gewährleistet. In einem Quartier wie der Grünau, in dem eine grosse Anzahl von Familien mit tieferem sozioökonomischem Status leben, ist ein Schulhaus von solch einer grössere auf mehreren Ebenen nicht zu bewältigen. Genügend Grünflächen und Begegnungsorte für 500 Jugendliche sind am geplanten Standort nicht gegeben und stellen sich beim geplanten Bauvorhaben allen Empfehlungen entgegen.

 

Aufwertung des Quartiers gefährdet

Aus allen diesen Gründen befürchtet der Quartierverein, dass der geplante Schulhausneubau an diesem Ort und in diesen Dimensionen das fragile Gleichgewicht zwischen belastenden Aspekten – Immissionen durch Autobahn und Kläranlage, fehlender öffentlicher Raum, sozioökonomische Struktur – und positiven Aspekten – Grünau als «Dorf» mit einer eigenen Identität und einer hohen Identifikation der Bewohner, friedliches multikulturelles Leben und Zusammenhalt, Anbindung an Grünräume – zerstört. Wenn sich das Klima in der Schule und im Quartier verschlechtert, die Lärmbelastung steigt, öffentliche Treffpunkte und Grünräume verschwinden, ist davon auszugehen, dass Mittelschichtsfamilien nach Möglichkeit wieder wegziehen und die Grünau erneut zu einem städtischen Problemquartier wird. Damit wären sämtliche Anstrengungen der Stadt zur Aufwertung des Quartiers der letzten fünfzehn Jahre zunichtegemacht.

Selbstverständlich versteht der Quartierverein Grünau, dass der Schulkreis Letzi dringend mehr Schulraum für die Oberstufe braucht. Der gesamte Schulkreis Letzi umfasst jedoch 50 000 Einwohner. Aus Sicht des Quartiervereins ist nicht nachvollziehbar, dass die Grünau mit ihren 2400 Einwohnern den gesamten bis 2030 prognostizierten Zuwachs an Sekundarschülern auffangen soll. Wir sind überzeugt, dass sich angesichts der dynamischen Entwicklung in Altstetten und vor dem Hintergrund des neuen kommunalen Richtplanes für das benötigte Schulhaus ein besser geeigneter Standort finden lässt: Ein Standort, der sowohl den zu Recht hohen Ansprüchen der Stadt an ihre Schulhausbauten genügt als auch aus einer sozialen Perspektive der Quartierentwicklung überzeugt.